Fehler machen Leute

Fehler machen Leute. Sie machen Fehler, weil sie neu im Job sind und zu wenig Erfahrung haben, weil sie unter Stress stehen oder abgelenkt werden – und weil manchmal alles gleichzeitig passiert. Während meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule habe ich viele Fehler gemacht. Eine Auswahl:

1. Kurt Twitters

Es ist Anfang Oktober, Tag 1 an der DJS, alle sind nervös, kommen viel zu früh und stehen verloren im Empfangsbereich des SWMH-Gebäudes im Münchner Osten. Ist die Person, die da hinten auf ihrem Handy herumtippt, eine zukünftige Mitschülerin? Was ist mit dem Typen da drüben mit Hornbrille, der sich so ostentativ mit den ausgestellten Objekten im Foyer beschäftigt? Wird der in meiner Klasse sitzen? Wer sind die 29 anderen, die auch diese Prüfung durchgemacht haben? Wird man sich mit ihnen verstehen?

Offen auf andere zugehen, lächeln, ein erster Smalltalk – jede*r will einen guten ersten Eindruck machen, mit Sympathie punkten. Bloß nicht gleich außen vor sein! In kleinerem Kreise ist das noch kein Problem. Zur Herausforderung wird das Wohlgefallen, wenn man zum ersten Mal vor versammelter Klasse Wort ergreift. Eine der ersten Aufgaben der Eröffnungswoche an der DJS lautete, sich selbst eine neue, kreative Twitter-Biographie zu texten. Für einen Menschen mit ausgeprägtem Geltungsbedürfnis wie mich war das die Gelegenheit, meine Nervosität mit Humor zu überspielen. Ich reichte folgenden Text ein: „dll rrrrr beeeee bö @DJSde rrrrbeeee bödll rrrr beeee bö Fümms bö wö tää zää Uu (Kurt Twitters)“

Einfach dada. Damals noch mehr als heute ging mir die falsche Social-Media-Prahlerei gegen den Mauszeiger, zudem jährte sich der Todestag des Dadaisten Kurt Schwitters 2018 zum 70. Mal. Auf meinen Textvorschlag hin erreichte mich folgende Mail der Schulleitung: 

Lieber Leon, zu überkandidelt. Journalism isn’t about you, sondern ein Dienst an der Gesellschaft. Konkret: Bedenke den Leser/die Leserin. Wenns dir so schwer fällt, dann einfach ganz sachlich. Journalist in Ausbildung @DJSde. Ansonsten lasse ich mich gerne überraschen. LG Henriette

2. Sie sind die Jägerin

Als Höhepunkt der Print-Ausbildung gilt unter Schülerinnen und Schülern der DJS die Arbeit am klasseneigenen „Klartext“-Magazin. Ich hatte meine Ausbildung noch keine zwei Monate beendet, schon wurde ich von Ex-DJSler*innen gefragt: „Welches war euer Klartext?“ Klar, das „Klartext“ ist niemals Einzelleistung – es ist das Vorzeigewerk der ganzen Klasse. Es gibt Autoren, Chefredakteurinnen, Textchefs, Layouter und Fotografinnen. Der Reportage-Kurs, der dem „Klartext“-Block vorausgeht, ist innerhalb der Ausbildung das Gegenteil: Von Themenfindung, über Recherche und Verschriftlichung ist jede*r hier als Einzelkämpfer*in unterwegs.

Ich bin auch aus egoistischen Gründen in den Journalismus gegangen. Als Journalist kann ich laufend meinen Horizont und Wissensstand erweitern und das trotzdem „Arbeit“ nennen, indem ich es für andere aufbereite. Gerade weil ich aus einer links-grünen Studienblase komme, interessierte ich mich dafür, eine Reportage über die AfD zu machen.

Es war Europawahlkampf, und der AfD-Ortsverband hatte eine Wahlkampfveranstaltung mit Rechtspopulisten aus ganz Europa organisiert. Als problematisch gestaltete sich allein die Suche nach einer Lokalität. Zum wiederholten Male sprangen der Partei Gaststättenbetreiber*innen kurz vor der Veranstaltung ab und die Suche begann von vorn. Ich fand dieses Wirtshaus-Hopping rund um München skurril und ging für meine Reportage zu der Veranstaltung, die letztendlich mangels Alternative in den engen Büroräumen des Kreisverbands München-Nord stattfand. Leider war dort, außer den zwei Türstehern mit „Ordner“-Armbinden, einem CD-Player mit der Deutschen Nationalhymne (die dritte Strophe) und einer Handvoll Senior*innen, nicht viel geboten. Die Reden der Kolleg*innen von FPÖ, Lega und Vlaams Belang erschienen mir als so vorhersehbar, dass eine physische Anwesenheit auf dem Termin nicht notwendig gewesen wäre. Schlechte Voraussetzungen für eine Reportage.

Tags darauf erzählte ich einer Mitschülerin von dem ereignislosen Abend und sie half mir, eine tatsächliche Alternative zu finden. Sie hatte zwei Geschichten parallel recherchiert und war froh, dass ihr jemand die zweite abnehmen konnte: eine Geschichte über das Ende der Schonzeit mit einer jungen Jägerin in der Hallertau, die zugleich Försterin ist. Ich willigte ein und rief gleich im Ort Au an. Es ging um einen fortwährenden Konflikt im Wald: Förster*innen fordern, dass mehr Rehe geschossen werden, damit diese nicht die jungen Setzlinge im Wald fressen. Jäger*innen wehren sich dagegen, weil sie den Bestand an Wild nicht kaputt schießen wollen.

Die Jägerin, die ich für diese Geschichte traf, war lange als Försterin in Oberfranken im Einsatz. Auf der Fahrt und während des Streifzugs durch den Wald erzählte sie mir über Wild wie Wald. Danach saßen wir zwei Stunden gemeinsam auf dem Jagdstand. Nichts passierte. Keine*r von uns sprach, das hätte das Wild verjagt – welches nie auftauchte. Ich fuhr heim. Nun hatte ich drei Stunden Audioaufnahmen vom AfD-Ortsverband und zwei Stunden Waldrauschen aus der Hallertau auf Band. Die Abgabe war morgen. Was nun?

Auszug aus „Sie sollen schießen“:

Sie sind die Jägerin. Werden Sie schießen?

Ihr Badezimmer verrät es schon. Um die Badewanne herum liegen aufgeschlagene Waffenkataloge. Die Modelle „Gladius“ und „Forest Favorit“ sind schon ein bisschen gewellt von der Luftfeuchtigkeit. Am späten Nachmittag gehen Sie wieder raus in den Wald. Das Revier gehört einem Waldbesitzer in Oberbayern, der es nicht in der Zeitung beschrieben wissen will. Für sein Revier haben Sie einen Begehungsschein. Sie zahlen dafür, dass Sie dort mit auf die Jagd gehen dürfen. Aber Sie sind auch die Försterin.   

So manche*r Journalist*in spricht von einem „Stück“, wenn es um einen publizierten Text geht. Ich muss da etwas verwechselt haben. Meine Lösung, aus den Geschehnissen ein interessantes „Stück“ zu machen, war ein letztlich leerer rhetorischer Kniff: direkte Ansprache an die Leser*innen, das Sprengen der vierten Wand! Sachlich und nüchtern aufzuschreiben, welche Punkte bei diesem Thema wichtig sind, erschien mir nicht genug. Stattdessen pustete ich den Staub von Bert Brecht. Die Kritik von der Dozentin, Karin Steinberger:

Lieber Leon, ich mag das ja, wenn mal was probiert wird, aber Dein Einstieg verlangt etwas zu viel. Ich weiß nicht wo ich bin, wo die Rehe herkommen, und: Wer ist Sie? Die Jäger? Das funktioniert nicht. Es gibt schöne Stellen, tolle Beobachtungen, aber Du musst erst mal klären, was Du eigentlich erzählen willst. Und führe den Leser mehr: Wo sind wir, wer ist Dein Protagonist, was willst Du uns erzählen. Best, Karin

3. Hassen Medien Muslime?

Mag für die Schülerinnen und Schüler der Lehrredaktionen 1-56 das „Klartext“ das Highlight der Ausbildung gewesen sein – für mich war es der „Design-Sprint“ mit der daran anschließenden Produktionsphase der Pilotfolgen. In der letzten Unterrichtseinheit hatten wir als Klasse zum ersten Mal einen Kunden. Der Bayerische Rundfunk bestellte bei uns die Entwicklung eines neuen YouTube-Formats für dessen Nachrichtenportal BR24. Wir bekamen eine enge Zielgruppe gesetzt: Menschen unter 30, aus dem non-urbanen Raum, die sich „adaptiv-pragmatisch“ verhalten. Und ich dachte, Sinus-Milieus wären genauso wenig en vogue wie Gallizismen im aktuellen Sprachjargon. Anyhow, DJS-like fanden Ideen-Sammlung, Zielgruppenforschung und Entwicklung zweier Prototypen binnen einer Woche statt. Die Vertreter*innen des BR durften sich anschließend für eines der entwickelten Formate entscheiden.

Am Ende stand das Konzept „Ich check’s nicht“. Das Format nimmt eine wichtige Funktion des Journalismus wörtlich: Menschen durch journalistische Arbeit zu ermächtigen, in den öffentlichen Diskurs zu treten. In „Ich check’s nicht“ stehen Protagonist*innen aus der Community selbst vor der Kamera und sprechen mit Behörden, Politiker*innen oder Verbänden. Mit der redaktionellen Hilfe von Journalist*innen suchen sie nach Antworten auf drängende Fragen. Das bedeutet: Berichterstattung von den Menschen für die Menschen.

So großartig diese Idee ist, so sehr humpelt die praktische Umsetzung. Schlussendlich müssen auch die Zuschauer*innen noch mitkommen – geleitet von den Protagonist*innen des Formats, die nicht journalistisch geschult sind und keine Kameraerfahrung haben. Das bedeutete viel Vorarbeit vor den Drehterminen.

Unsere Zielgruppenanalyse ergab, dass das Thema „der Islam in der Gesellschaft in Deutschland“ online viel diskutiert wurde. Also starteten wir einen Aufruf über unsere Social-Media-Kanäle, um Menschen zu finden, die darüber gerne selbst berichten würden. Wir trafen einen Rechtsreferendar, Medin aus München, der uns erzählte, dass ihn das Thema „Gewalt gegen Muslime“ seit längerem umtrieb. Er fragte sich, warum er darüber so wenig in den Medien fand. Zum Beispiel waren bei einer Moschee in München-Freimann die Fenster eingeworfen worden. Einen Bericht in der lokalen Presse suchte man allerdings vergebens. Warum?

Hier begannen sich zwei Dinge zu vermischen, die uns später noch einiges an Nerven kosten sollten: Gesellschaftskritik – warum passieren überhaupt Anschläge auf Moscheen und muslimische Mitbürger*innen? Und Medienkritik – warum wird darüber wenig berichtet?

Wir hatten zu diesem Thema viel recherchiert, Expert*innen um ihre Einschätzung gebeten und potentielle Kandidat*innen für das Video angeschrieben. Nach einem ersten Treffen im „Münchner Forum für Islam“ erschien uns Medin wie der geeignete Protagonist für die Folge – und er hatte Zeit und Lust.

Vor uns lag eine achtstündige Autofahrt mit dem VW-Caddy nach Berlin. In 24 Stunden in der Hauptstadt packten wir so viele Termine wie möglich. Wir trafen eine Filmemacherin aus Bosnien, die sich mit dem Thema Rassismus in den Medien auseinandersetzt und einen Journalisten der „Islamischen Zeitung“. Dazu drehten wir mit Medin Aufsager vor dem Reichstag und waren in das Haus der Bundespressekonferenz eingeladen. Dort konnte Medin seine Fragen an den Mediendienst Integration stellen. Zur gleichen Zeit hielten Familienministerin Franziska Giffey und Innenminister Horst Seehofer eine Pressekonferenz zum Thema Hasskriminalität im Netz ab. Beide konnten wir im Gebäude abfangen und für kurze Interviews gewinnen, die Medin so souverän führte, als hätte er tagtäglich eine*n Bundesminister*in an der Strippe. Seine Fragen – direkt an die höchste Stelle. Euphorisiert kehrten wir nach München zurück, wo wir der Präsentation des Videos entgegenfieberten.

Dort gab der Chef von BR24 sein Feedback und entschied, ob die Videos in dieser Form auf YouTube laufen werden. Die erste Folge von drei Mitschülerinnen über einen Bauern im Allgäu kaufte er so. Dann kam unser Video und zumindest der Applaus der Runde schien zu passen. Sehr kurzweilig sei es gewesen, sagte er. Jedoch liefere das Video kein Ergebnis. In dieser Form könne es nicht online gehen.

Wir waren mit einer Frage in die Recherche gegangen, die wir schlussendlich nicht beantworten konnten: Berichten die Medien zu wenig über Gewalt gegen Muslime? Wer soll das einschätzen können und darauf eine sinnvolle Antwort geben? Durch unsere „Erfolge“ auf den Drehs waren wir blind für das Thema geworden. Um was geht es eigentlich? Wie lässt sich ein Thema so aufbereiten, dass man auch einen Mehrwert für diejenigen liefert, die sich das Video anschauen?

Unser Video sollte trotzdem laufen, drei Monate später. Nach zwei weiteren Nachdrehs in München erklärte uns der Polizeisprecher der Stadt München, warum das eingeschmissene Fenster der Moschee in München-Freimann nicht im Polizeibericht – und damit nicht in der Presse landete – ein Ausgangspunkt unserer Recherche.

Rechtsreferendar Medin schloss seine Dreharbeiten mit den Worten: „Es waren spannende Tage, aber jetzt bin ich froh, wieder Jura machen zu können.“ Denn Journalist sein, das sei viel zu anstrengend.

Diese drei Episoden waren nur Auszüge aus einer Zeit voller Fehler und Schwächen. Aber wenn man lernt, dass Fehler machen okay ist und es wichtiger ist, aus Fehlern zu lernen, als von Anfang an großartig und toll zu sein – dann ist in dieser schnelltrendigen Zeit schon einiges erreicht.

Titelfoto: Verena Mayer, Fotos Galerie: Leon Willner, Helena Werhahn

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