Meermüllmänner

Strandspielzeug und Saftboxen statt Sardellen und Sardinen – die Fischer Italiens fangen viel Abfall. Wenn sie ihn an Land bringen, riskieren sie eine Strafe. Unterwegs mit zwei ligurischen Fischern, die es dennoch tun.

Von Leon Willner und Greta Prünster

Als Emanuele Fracceri und Mauro Gambaro neulich vor Genua ihr Netz aus dem Meer zogen, erkannten sie die markante Schwanzflosse schon unter der Wasseroberfläche. Ein Spitzkopf-Siebenkiemerhai hatte sich in ihrem Netzsack verfangen und ist erstickt. Sie fesselten den 100-Kilo-Fang mit ihren Tauen, zerteilten ihn in grobe Stücke und brachten ihn zu ihrem Restaurant in Genua-Boccadasse. Ein seltenes Prachtstück, wie sich Fracceri einen Monat nach dem Fang erinnert.

Der Alltag beschert den beiden Fischern längst eine Menge unliebsamen Beifang: Zwischen zwei und zehn Kilo Müll kommen jedes Mal mit an Bord, darunter Eisen, Autoreifen, Tiefseekabel und Plastik. Die beiden sammeln das Zeug in einer Ecke des Bootes. Ihr elf Meter langer „Puma“ wird auf diese Weise zu einem schwimmenden Antiquariat von Gegenständen, die keiner mehr will, nirgendwo. In Italien ist es verboten, Müll aus dem Meer mit an Land zu bringen. Wer es trotzdem macht, dem droht eine Geldstrafe.

Der Vorwurf: illegaler Mülltransport

Was ihnen da so in die Maschen geht, führt Fracceri und Gambaro in ein Dilemma, jedes Mal. Stopfen sie den Unrat in Säcke, um ihn auf die nächste Deponie zu werfen, riskieren sie nicht nur eine Strafe fürs An-Land-Bringen, sondern womöglich auch fürs falsche Entsorgen. Doch sie machen sich vor sich selbst schuldig, wenn sie den Müll zurück ins Meer werfen.

An diesem Dienstag hätten sie beinahe das Meer vermüllt: Nur ein paar Seemeilen vom Porto Antico, dem einst legendären Hafen der Seerepublik Genua, hat sich eines ihrer Nylonnetze verfangen.

Das alte Netz und das Meer

Mauro Gambaro, Beine wie Baumstümpfe, will das Netz einholen. Der Fischer beugt sich über die Reling und zerrt an den Maschen. Gambaro sieht aus wie Bud Spencer im Matrosenhemd, er reißt mit ganzer Kraft. Am Steuer steht Emanuele Fracceri und versteckt seine Emotionen hinter einer schwarzen Trucker-Brille. „Libero?“, ruft er Gambaro am Achterdeck zu. Und wieder: „Kann ich jetzt?“ Sein Kollege antwortet nicht. Gambaro ist zu beschäftigt, das Netz aus der Rolle zu reißen, über die es an Bord laufen soll. Doch was sonst Routine ist, ist heute Verhängnis.

Die beiden benutzen Stellnetze aus Nylon und Langleinen, die über Nacht im Wasser bleiben. Am Vortag haben sie eine Falle ins Wasser gelegt. Jetzt hat sich das Fanggerät so verklemmt, dass sie es kappen müssen. Gambaro hängt noch immer über der Reling und streckt sich, dorthin, wo das Netz im Wasser verschwindet. Fracceri wird immer lauter. Für beide ist klar: Es muss raus.

„Die Luftverschmutzung ist schon so hoch, wir dürfen nicht auch noch das Meer verkommen lassen“, sagt Fracceri. „Wenn wir es weiter verschmutzen, dann gibt es mehr Plastik als Fisch.“ Dann geht er rüber zu Gambaro, reicht ihm ein Messer und sagt: „Na los, schneid durch.“

Gambaro drückt das Netz zusammen und kappt es. Ein kleines Stück bleibt an Bord. Der Rest klatscht zurück ins Meer. Ihr Netz ist jetzt frei. Die Strömung lässt es durchs Wasser wabern wie eine Qualle, und so fischt es immer weiter, auch ohne Fischer. Auf dem Meeresgrund wird es die Unterwasserwelt belasten. Es zersetzt sich und landet als Mikroplastik im Bauch der Fische. Und in den Bäuchen von Menschen. Aber noch ist es nicht zu spät.

Fracceri wirft den Motor an, sie müssen das andere Ende finden. „Die Fischindustrie gehört zu den schlimmsten Müllverursachern im Meer“, sagt Giuseppe Ungherese von Greenpeace Italia. Bei einem EU-Projekt zur Vermeidung von Müll im Mittelmeer analysierte das italienische Institut für Umweltschutz und Forschung (ISPRA) zusammen mit Fischern aus Venetien von Juli 2018 bis April 2019 den aus der Adria gefischten Müll.

Der Befund: Die Hälfte stammte von Fischerei und Muschelzucht

Emanuele Fracceri, 42, aus Genua-Nervi ist mit 14 Jahren Fischer geworden. Zwischen seinen Fingern wirkt die Zigarette, an der er dreht, wie ein Zahnstocher. Sein erstes Mal auf hoher See hat ihm so gut gefallen, dass er sein Leben lang aufs Meer hinausfahren will. „Das Meer ist unser Arbeitsplatz und unser täglich Brot“, sagt er. Bringt er seine Stimmbänder zum Schwingen, klingt der ganze Fracceri wie eine Personifikation von Käpt’n Blaubär. Nur, Fracceri ist niemand, der Seemannsgarn spinnt.

Das Netz zu kappen hat Fracceri und Gambaro die 50 bis 60 Kilogramm Fisch gekostet, die sie laut eigener Aussage normalerweise pro Fahrt an Land ziehen. Dazu kommt, je nach Seegang, mehr oder weniger Müll, erklärt Fracceri. Ist die Gischt weißer, wirbeln Strömungen den Abfall vom Meeresgrund auf.

Gambaro sagt: „Wir fischen wirklich sehr oft Plastik.“ Er deutet auf einen Kanister, der 30 Meter vor dem Boot an ihnen vorbeischwimmt. Vieles komme vom Strand. Die Leute ließen ihre Plastikflaschen dort einfach liegen. Vieles komme auch von den Ausflugsschiffen. Dann sind es Fischer wie Fracceri und Gambaro, die den Müll wieder herausholen und an Land bringen, auch wenn sie die Säuberung des Meeres eine Stange Geld kosten könnte.

Ihr Dilemma lösen die beiden Fischer pragmatisch. „Bis jetzt wurden wir noch nie erwischt“, sagt Fracceri. „Wir holen das Plastik raus“, sagt Gambaro und ergänzt: „Bald kommt questo progetto.“ Damit meint er Salvamare.

„Auf der einen Seite versuchst du, den Plastikmüll in den Griff zu bekommen, auf der anderen Seite belohnst du Fangmethoden, die schlecht für die Umwelt sind.“ (Giuseppe Ungherese)

Das Gesetz „Legge Salvamare“ behandelt jeden versehentlich gesammelten Unrat wie Schiffsabfall. Dieser darf dann auch im Hafen abgegeben werden. Im August 2018 stellte der italienische Umweltminister Sergio Costa den Gesetzentwurf vor. „Meeresrettung“ hat er ihn getauft. Auch in Italien klingen Gesetze mittlerweile mehr nach Aktivismus als nach Ministerialbürokratie.

Minister Costa geht es um die Rettung des rauschenden Blauen, das an insgesamt 7600 Kilometern Küste an sein Land schwappt. „Wir sind alle Brüder des Meeres“, verkündete er in den sozialen Netzwerken. Seine Brüder im Ministerrat blockierten trotzdem lange das Gesetz.

Der Durchbruch für Salvamare gelang erst im April, als ein Passus über das Verbot von Einwegplastik ersatzlos gestrichen wurde. Dabei wäre gerade das für die Rettung des Meeres entscheidend, findet Giuseppe Ungherese von Greenpeace: „Wenn Salvamare das Einzige ist, was Minister Costa bisher auf die Reihe gebracht hat, ist das wahrlich wenig.“

Mauro Gambaro dagegen gibt der Entwurf Hoffnung. Wenigstens müssten Fischer wie Fracceri und er so nicht länger selbst für die Entsorgung aufkommen. In der Toskana läuft bereits seit Juli 2018 ein Pilotprojekt mit dem Titel „Saubere Inseln in Livorno“, bei dem die „Legge Salvamare“ umgesetzt wird. Die Region Toskana stellte in Zusammenarbeit mit Unternehmen Recyclinginseln im Hafen von Livorno bereit. Fischer, die sich an der Säuberung der Meere beteiligen, erhalten ein Umweltzertifikat.

Giuseppe Ungherese von Greenpeace Italia kritisiert den Entwurf, denn auch Fischer, die Schleppnetzfischerei betreiben, würden so ein Zertifikat erhalten, wenn sie Plastik an Land bringen. „Das ist paradox“, sagt er.

Die Sopraelevata Aldo Moro trennt den Porto Antico von der Altstadt. Müll im Meer wird auch in der Streetart auf dem Pfeiler der mächtigen Autobahnbrücke thematisiert.

Zur Bewältigung des Problems von Plastikmüll im Meer könne man sich nicht allein auf die Arbeit der Fischer als „Müllmänner“ verlassen, sagt Ungherese. „Spazzini del mare“, Müllmänner des Meeres, so nennt Minister Costa die Fischer.

Wenn Mauro Gambaro diese Bezeichnung hört, knurrt er. Auch wenn er in seiner orangefarbenen Fischerhose über den roten Shorts wie ein Müllmann aussieht, die Bezeichnung gefällt ihm nicht. Das Fischen ist seine Leidenschaft. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, aufs Meer zu fahren, ohne dafür bezahlen zu müssen. Gambaro hatte Glück, denn seine Familie hatte ein Boot und ließ den Jungen mit hinaus aufs Meer.

„Mir geht es nicht um eine Belohnung oder um ein Zertifikat“, sagt er. „Es geht mir darum, den Müll ohne Aufpreis loszuwerden.“ Der Sondermüll kostet Fracceri und Gambaro 50 bis 80 Euro pro Abgabe, doch schon seit seinem ersten Tag als Fischer, erzählt Gambaro, habe er das Plastik in einer Ecke des Bootes gesammelt.

Heute ist Gambaro 41 Jahre alt, seine Liebe zur Seefahrt hat er sich in die Haut stechen lassen. Auf seinem rechten Unterarm grinsen Spongebob mit Piratenhut und sein Seestern-Freund Patrick, wenige Zentimeter weiter prangt eine Nadel, mit der man Netze flickt. Darüber steht: „Sempre danni da conciare“, es gibt immer etwas zu reparieren.

Mit leeren Netzen

Die andere Hälfte ihres Netzes kann noch nicht weit getrieben sein. Normalerweise hinterlegt Fracceri die Koordinaten der Boje, die das Ende des Netzsacks markiert, in seinem Bordcomputer. „Aber diese Boje“, sagt er, „hat mein Kollege gelegt“, der markiere sie nie. Jetzt müssen sie suchen.

Eine weiße Boje treibt auf dem Wasser, daran hängen die Maschen, aber keine Leine. Für Mauro Gambaro ist das Einholen diesmal trotzdem eine leichte Aufgabe, dafür nimmt er sich nicht einmal den Zigarettenstummel aus dem Mund. Mit einer schnellen Bewegung greift er sich das Netz und zieht es an Bord. Fracceri hilft ihm. Fische sind keine drin. „Auch das ist das Meer“, sagt Fracceri.

Manchmal gibt es reiche Beute, manchmal kriegst du nichts

Bei „Salvamare“ geht es den Fischern vor allem um die Kosten. Wer soll für die Entsorgung des Sondermülls aufkommen? Die Häfen? Die Fischer? Die hohen Kosten der Müllentsorgung führen laut der Umweltschutzorganisation WWF europaweit dazu, dass Fischer gefangenen Müll wieder ins Meer werfen, weil sie sich die legale Entsorgung nicht leisten können.

Ein Sprecher des Umweltministeriums sagt dazu: „Wir planen eine Kostenübernahme.“ In den Häfen will die Regierung Abfallsammelstellen einrichten. „Dann soll der Müll aus dem Meer wie alle städtischen Abfälle nach Material getrennt werden“, schreibt das Ministerium auf Anfrage. So könnte es bald in ganz Italien funktionieren.

Seit dem 5. September hat Italien eine neue Regierung. Sergio Costa von den Cinque Stelle bleibt im Kabinett Conte II Umweltminister. Costa wird sich mit seinem Projekt Salvamare weiter gedulden müssen. Gerade überprüfe die Umweltkommission den vorliegenden Gesetzesentwurf, heißt es in einer Erklärung des Senats.

Das zerschnittene Netz wollen Fracceri und Gambaro flicken. Das machen die Fischer, wenn das Wetter schlecht ist. Es ist das erste Mal in dieser Saison, dass Fracceri und Gambaro mit leeren Netzen zurück in den Hafen von Genua fahren. Doch immerhin auch ohne Müll.

Fotos: Leon Willner

Diese Geschichte erschien am 14. November im ff Magazin Bozen und im Klartext-Magazin „Wertstoff“ der Deutschen Journalistenschule.

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