Mein Freund, der Mörder

Der Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren kostete 800 000 Tutsi das Leben. Alice Mukarurinda überlebte schwer verletzt – und hat ihren Hass bezwungen. Mit dem Mann, der ihr die Hand abhackte, kämpft sie heute für Versöhnung.

Alice Mukarurinda hasst Gedenktage. Wenn überall im Land die Vorbereitungen laufen, drängen die schrecklichen Bilder aus ihrer Vergangenheit ins Bewusstsein. Alice sieht, wie radikale Hutu ihre neun Monate alte Tochter ermorden. Und sie sieht Emmanuel Ndayisaba, mit dem sie zur Schule ging. Statt eines Malblocks hält er aber eine Machete in der Hand. Er ist Teil des mordenden Mobs und hackt ihr die rechte Hand ab.

Heute, 25 Jahre später, sitzt Emmanuel Ndayisaba neben ihr, in ihrem Haus in Nyamata, 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Kigali. Seine Füße hat er fest am Boden, der Oberkörper lehnt in der schwarz-weißen Couch. Er ist erschöpft von der Arbeit auf dem Feld, wo er Erdnüsse erntet. Jahrelang dachte Emmanuel Ndayisaba, er hätte Alice Mukarurinda umgebracht. So stand es auf dem Zettel, auf dem er seine Taten niederschrieb. Heute ist er 49 Jahre alt, trägt ein sauberes weißes Hemd und eine schwarze Stoffhose.

Die Geschichte von Ndayisaba und Mukarurinda ist die Geschichte hemmungsloser Gewalt, die Geschichte eines 23-Jährigen, der zum Mörder wird, weil der Staat Hass predigt. „Schon zu Schulzeiten erzählten uns die Lehrer, dass Tutsi schlechte Menschen sind“, sagt er. Und es ist die Geschichte von Vergebung, von der Kraft eines Opfers, das für eine friedliche Zukunft kämpft.

Es ist der 9. April 1994.

Drei Tage, nachdem unter noch immer ungeklärten Umständen das Flugzeug des Präsidenten Habyarimana über Kigali abgeschossen wurde, lernt Ndayisaba zu morden. Die Anführer radikaler Hutu- Truppen rufen ihn zum Haus eines Tutsi. Er kennt ihn, zusammen hatten sie im Kirchenchor Lieder über die Gnade Gottes gesungen. In dessen Haus, erzählt Ndayisaba, habe er mit seiner Machete 14 Menschen getötet.

Alice Mukarurinda und ihre Familie verstecken sich in der Kirche von Ntarama, zusammen mit Tausenden anderen. Die Kirche ist heute eine der bekanntesten Gedenkstätten des Landes. Radikale Milizen entdecken das Versteck, töten hemmungslos. An die 5000 Menschen. In der Gedenkstätte klebt an den Mauern noch Blut, von der Decke hängen die Kleider der Opfer. „Die Sachen von meiner Familie hängen auch dort“, sagt Mukarurinda, 26 Familienmitglieder sterben hier. Die 25-jährige Mukarurinda entkommt mit ihrer kleinen Tochter in das umliegende Moorgebiet. Dort legen sie sich so in den Sumpf, dass nur noch der Mund zum Atmen herausschaut.

Am 29. April 1994 hört sie eine Trillerpfeife. Ein Suchtrupp hat sie entdeckt und pfeift Ndayisaba zur Unterstützung herbei. Er habe Mukarurinda erkannt, aber ihren Namen vergessen, erzählt er. Zuerst töten seine Mitstreiter das neun Monate alte Mädchen. Als Ndayisaba seine Machete hebt, hält Mukarurinda den rechten Arm schützend vors Gesicht. Die Machete durchfährt ihr Handgelenk, schlitzt ihr Gesicht auf, direkt neben dem linken Auge. Dann durchbohrt ein Speer ihre linke Schulter und die Mörder lassen sie zurück – zum Sterben.

„Als ich meine Taten gestehen wollte, haben mich die zuständigen Behörden für verrückt erklärt“, sagt Ndayisaba. 1996 war das, als er sich freiwillig stellte. Die Beamten hätten geglaubt, er sei zu einem Geständnis gezwungen worden. Aber Ndayisaba will bestraft werden. Die Bilder in seinem Kopf verfolgen ihn hartnäckiger als die Polizei. Nach dem Geständnis kommt er ins Gefängnis – im festen Glauben, Mukarurinda ermordet zu haben. Sechs Jahre sitzt er ein.

Im Juni 2002 rücken dann die „Gacaca“-Gerichte in den Mittelpunkt. Ein Gacaca ist eine Art Dorfgericht, das vor allem den sozialen Frieden im Blick hat. Versöhnungstribunale nennt man sie auch. Weil die Zahl der Täter die Kapazitäten der Gerichte weit übersteigt, übernimmt diese traditionelle Gemeinschaftsjustiz der Dörfer die Aufgabe, die Täter zu verurteilen. In zehn Jahren werden nach Angaben der Gerichte an die zwei Millionen Täter für schuldig befunden. Darunter auch Emmanuel Ndayisaba, für die Morde auf seinem Zettel.

„Gacaca“, sagt Alice Mukarurinda. „Da habe ich alle Täter wiedergesehen. Emmanuel kannte mich noch. Klar, wir sind ja zur selben Schule gegangen.“ All die Jahre wusste er nicht, dass ein anderer Überlebender Mukarurinda im Sumpf gefunden und gerettet hatte. Da er seine Taten erneut gesteht, wird er nur noch zu zwei Jahren Gemeinschaftsdienst verurteilt. Ndayisaba rennt auf Mukarurinda zu, fällt auf die Knie, bittet um Vergebung. Alice Mukarurinda ist Laienrichterin am Gacaca.

„Ich habe gelernt, dass Vergebung der einzige Weg voran ist“, sagt sie. „Erst wollte sie mir nicht verzeihen“, sagt er, „zumindest habe ich es ihr nicht geglaubt.“ Erst als sie gemeinsam für ein soziales Projekt Häuser für die Opfer des Genozids aufbauen, spürt er ihr Vertrauen.

„Wenn ich ihm nicht verziehen hätte“, sagt sie und blickt zu ihm rüber, „dann wäre Emmanuel jetzt nicht hier auf meiner Couch.“

Mukarurinda und Ndayisaba. Beide wollen die Vergangenheit hinter sich lassen. Sie beobachten viel Unmut im Land. All die Täter, die nach und nach freigelassen wurden, seien für die Opfer ein Schock gewesen. „Wir wollten nicht so denken, aber wir hatten Angst, dass sie uns wieder umbringen.“

Ndayisaba glaubt, dass er sich mit den Opfern versöhnt hat. Seine Beziehung zu den Mittätern sei schlecht. „Sie tun so, als wären wir Freunde, aber das sind wir nicht“, sagt er. „Ich weiß, was wir getan haben, und viele haben nicht alles zugegeben.“

Mukarurinda und Ndayisaba haben mit anderen Tätern und Opfern eine Organisation gegründet. „Ukuri Kuganze“ heißt sie. In der Heimat der beiden, im Bugesera District im Süden Ruandas, haben sie 260 Häuser für die Opfer gebaut. Der Verein hat über 1000 Mitglieder.

Einmal die Woche verteilen Mukarurinda und Ndayisaba Essen an Bedürftige. Die Zusammenarbeit mit Tätern bedeutet für Alice Mukarurinda auch die ständige Konfrontation mit ihrer Behinderung. Wenn sie bei einfachen Tätigkeiten scheitert, die andere spielerisch lösen, erinnert sie sich an das, was passiert ist. „Da fühlst du dich niedergeschlagen“, sagt Mukarurinda, „ich kann keine Erdnüsse ernten, so wie er.“ Und sie sagt: „Wenn der Genozid nicht gewesen wäre, wären wir jetzt andere Menschen.“ Doch das gelte für die Täter genauso. Ndayisaba nennt sie jetzt „inshuti“, einen Freund.

Fotos: Leon Willner

Die Recherche zu diesem Artikel war nur dank der großartigen Unterstützung meines Kollegen Richard Irakoze möglich. Der Artikel erschien am 8. August 2019 auf der Seite 3 des Münchner Merkur.

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