Die Praxis auf Rädern

Sie kommen ohne Krankenversicherung nach Deutschland, suchen Arbeit – und werden krank. Dann kann oft nur die Straßenambulanz helfen.

Von Patrick Wagner und Leon Willner

Georgi Petrov springt in den umgebauten Krankenwagen, befreit seinen Körper vom Blaumann und zieht das T-Shirt nach oben. Nachdem der Arzt Arme und Torso des Patienten untersucht hat, gibt er ihm eine frische Tube Kortisonsalbe. Sein gewöhnlicher Ausschlag ist ein Problem, denn obwohl Petrov auf dem Bau arbeitet, hat er keine Krankenversicherung.

Es ist bereits nach acht, Thomas Beutner und Pfleger Bernd Gollwitzer stecken immer noch im Verkehr fest – sie kommen zu spät. Drei Mal pro Woche fahren die beiden mit ihrer rollenden Arztpraxis durch die Münchner Innenstadt und behandeln an jeden, ungeachtet der Herkunft oder des Versicherungsstatus. Drei Stationen fahren die beiden jedes Mal ab, den Roßmarkt, das Isartor und die Hauptfeuerwache. Mittwochabend schauen sie außerdem an der Teestube vorbei, einem Treffpunkt für Wohnungslose in der Zenettistraße.

Wie viele Osteuropäer, nimmt Herr Petrov die Dienste der Münchner Straßenambulanz und der zugehörigen Praxis in der Pilgersheimerstraße in Anspruch: Rund ein Drittel der über 900 Patienten sind versicherungslos, viele davon kommen aus den neuen EU-Staaten. „Die Zahl der Patienten aus Osteuropa hat in den letzten Jahren stark zugenommen“ sagt Gollwitzer.

Petrov kam nach Deutschland, um Arbeit zu suchen. Das Schengen-Abkommen gewährt ihm Freizügigkeit. Die Stadt München profitiert von der Zuwanderung, billige Arbeitskräfte sind rar. Viele arbeiten schwarz und sind deshalb nicht versichert. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse bergen Gefahren, wie Maria-Therese Reichenbach vom Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung erklärt: „Häufig koppelt der Arbeitgeber den Arbeitsplatz an eine Unterkunft. Wer die Arbeit verliert, verliert auch die Wohnung.“ So landet man auf der Straße.

Wie viele Menschen in München betroffen sind, ist unklar. 2018 meldete das Amt für Wohnen und Migration 685 Menschen aus Südosteuropa wohnungslos. 62 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher sein: Wer die Unterkünfte für Wohnungslose nicht nutzt, fällt durchs Raster.

„Das ist ziemlich alte Schule hier“ (Pfleger Gollwitzer)

Auch Petko Dalca ist nicht zum ersten Mal bei Herr Beutner. Er lebt auf der Straße. Herr Dalca begrüßt den Arzt, setzt sich  und schnürt seine Wanderstiefel auf. Er hat Fußpilz.

„Das ist eine typische Erkrankung für Obdachlose“, sagt Beutner. „Wenn ich abends nach Hause komme, ziehe ich erst mal die Schuhe aus. Bei Obdachlosen jedoch kommen die Füße oft tagelang nicht an die frische Luft. Irgendwann bekommt man dann Fußpilz.“ Gollwitzer verzieht keine Miene. Er bestreicht Petkos Dalcas Füße mit Kristallviolett, einer purpurnen Flüssigkeit, die den Pilz bekämpfen soll. Das hält länger als ein herkömmliches Präparat.

Andere Patienten könnten eine solche Infektion mit Cremes oder Sprays in vielen Fällen selbst behandeln. Lebt man auf der Straße und hat keinen Zugang zu einer Dusche, frischen Handtüchern und Socken, ist für selbst einen gewöhnlichen Fußpilz ärztliche Hilfe nötig. Bevor er ihn aus der mobilen Praxis entlässt, rät Herr Beutner Dalca, abends die Schuhe eine Weile auszuziehen und regelmäßig die Socken zu wechseln.

Komplizierte Untersuchungen sind in dem umgebauten Krankenwagen nicht möglich. „Das ist noch ziemlich alte Schule hier“, sagt Gollwitzer. Ein Blutdruckmessgerät, ein Fieberthermometer und die eigenen Augen und Hände, das muss für die meisten Diagnosen reichen.

Sperrige Gerätschaften finden in dem engen Behandlungsraum keinen Platz.

Ziel ist es, die Patienten in die Arztpraxis Katholischen Männerfürsorgevereins zu lotsen. Dort gibt es unter anderem ein EKG, ein Ultraschallgerät und ein Labor. Bei schwereren Erkrankungen hilft die erweiterte Diagnose, offizielle Stellen zu einer Kostenübernahme zu bewegen. Erst dann kann der atient zu einem Facharzt oder ins Krankenhaus überwiesen werden. Die Praxis ist an ein städtisches Unterkunftsheim angebunden. Die dortigen Sozialarbeiter helfen den Betroffenen, Sozialleistungen zu beantragen.

Anna Sala kommt zur Nachsorgeuntersuchung zu Dr. Beutner. Sie litt unter Abszessen in den Achseln. Entfernt wurden sie in einer aufwendigen Operation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Sie hatte Glück, die Kosten für die Behandlung übernahm ein Notfallfonds der Stadt.

Die größte Gruppe von Unversicherten besteht laut dem Sozialausschuss der Stadt aus Zuwanderern aus EU-Ländern ohne Arbeit und Anspruch auf Sozialleistungen. Viele könnten sich in Ihrem Heimatland nachversichern – theoretisch. Das ist jedoch mit einem erheblichen Aufwand verbunden. „Eigentlich müsste ich diese Patienten zurück nach Bulgarien schicken. Dort müssten sie sich einen Versicherungsstatus für Bulgarien organisieren. Dann müssen sie einen Antrag stellen, dass auch Versicherungsleistungen in Deutschland bezahlt werden“, sagt Dr. Thomas Buhk. Der Hamburger Spezialist für Infektionskrankheiten behandelt unversicherte HIV-Patienten und fordert, dass jeder in Deutschland Zugang zum Gesundheitssystem bekommt.

Im Innern des umgebauten Krakenwagens ist ein Behandlungsraum.

Damit Betroffene in München künftig schneller Zugang zur Krankenversorgung im Regelsystem haben, will die Stadt eine Stelle zur Klärung des Versicherungsstatus einrichten. Dort wird überprüft, ob der Betroffene in seinem Heimatland Anspruch auf eine Krankenversicherung hat oder in Deutschland versichert werden kann.

Im Prinzip sei so eine Clearingstelle eine gute Sache, doch Maria-Therese Reichenbach sieht auch Schwächen: „Die Frage ist, inwieweit die Mitarbeiter der Clearingstelle verpflichtet sind, die Daten weiterzuleiten“. Sonst wird eine solche Stelle „zum verlängerten Arm der Ausländerbehörde.“ Um das zu verhindern, soll die Münchner Clearingstelle bei einem unabhängigen Träger angesiedelt werden. Selbst in Städten, in denen sich das Modell durchgesetzt hat, werden höchstens 30 Prozent der Ratsuchenden in das Gesundheitssystem eingegliedert. Das Konzept ist nicht die Lösung aller Probleme, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Nicht nur Anna Sala, Petko Dalca und Georgi Petrov profitieren von einem Zugang zum Gesundheitssystem. Gerade bei Infektionskrankheiten ist das laut Herr Buhk im Interesse aller: „Je mehr Menschen mit einer unbehandelten Tuberkulose oder einer unbehandelten HIV-Infektion herumlaufen, desto mehr gefährden sie auch andere.“

Namen der Patienten geändert

Fotos: Thomas Friedl

Dieser Artikel erschien im „Münchner Merkur“ vom 16. Juli 2019.

 

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