700 und Eins.

Über das Leiden: FC Bayern II – FC Augsburg II, ein persönlicher Spielbericht aus dem Grünwalder Stadion.

Schlimmer kann es nicht kommen. „Nebenstraßler“ gegen „Datschiburg“. Die Roten gegen die schwäbische Provinz. In unserem Stadion! Und dann sind es auch noch die Kleinen, die Amateure. Da fällt einem der Hass noch schwerer. Wo Hass doch ein Gefühl wäre, welches mir den Abend zumindest versüßen könnte.

Aber der Reihe nach. Wenn ich aus dem Münchner Osten in die Straßenbahnlinie 25 steige, kribbelt es, von den Löwensocken bis zum Löwenschal. Die Tram 25 nehme ich immer nur mit einem Ziel: Giesing. Sechzger Stadion. Meine Mannschaft anfeuern. In München gibt es keine andere. Das wurde mir so eingebläut.

Da kommen fast verdrängte Kindheitserinnerungen hoch: Ein kleiner Junge bekommt von seiner Tante das erste Trikot geschenkt. Er wollte das blaue, das mit der Nummer 9. Mit Martin Max hinten drauf. Er bekam das rote. „Das blaue war leider schon ausverkauft“, vertröstete ihn seine Tante. „Aber Trikot ist Trikot!“ Er stülpte das rote Teil über. Trikot ist Trikot. Das sah sein Vater anders. „Du kannst es gerne anziehen“, sagte er und lächelte dann ganz milde: „Aber nicht in unserer Wohnung.“

Der Sohn weinte, die Tante gab das Trikot zurück. Sie bestellte das blaue nach. Seither bin ich Sechzger, und das rote Trikot fasse ich nicht einmal mit weiß-blauen Sechzger-Handschuhen an. Seit zwei Jahren kribbelt es wieder in der Trambahn, die Löwen sind zurück auf dem Giesinger Berg.

Heute kribbelt nichts. „Du musst das professionell angehen“, denke ich angestrengt, „als Journalist, nicht als Fan.“ An meinem Gesicht kann man vermutlich körperliches Leid ablesen. Doch ich kann jetzt nicht kneifen, ich muss heute einen Spielbericht aus der Regionalliga abgeben. FC Bayern II gegen FC Augsburg II. Also auf in die Trambahn: mit Löwensocken, ohne Löwenschal, Fußball schauen. Professionelles Pläuschchen statt kühles Bier vor dem Stadion. Dann, durch die heiligen Tore hinein in die Höhle der Löwen.

Zu den Bayern ins Stadion? „Nicht mal wenn 1860 spielt!“

Da hilft alles Augenreiben nicht: Auf der Anzeigetafel über der Westkurve steht tatsächlich „BAYERN“. Ich sitze auf der Pressetribüne des Grünwalder Stadions … na, eigentlich ist es nur eine Sitzreihe mit Klapptischen … Ich sitze in der Presseklapptischreihe und kämpfe in meinem Kopf gegen den hinterhältigen Voodoo-Zauber, der mich in diese Situation gebracht hat. Nebenbei friere ich mir einen ab und denke an die Bundesliga.

Mann, mein Vater. Der wollte zu Bundesligazeiten nicht einmal zum FC Bayern gehen, wenn seine Löwen dort gastierten. Das Ticket verschenkte er. „Spielen doch die Roten“, sagte er dann und winkte ab. Ich bewunderte seinen Starrsinn, ging aber selbst zum Spiel. Dann durfte ich mitansehen, wie der TSV 1860 vom Ligakrösus ordentlich eins auf die Löwenmütze bekam.

Und heute? Beim Presseingang begrüßt uns Herrmann Gerland. Daneben wedelt mir ein junger Mann mit schwarzer North-Face-Jacke etwas entgegen. „Bayern-Amateure-Bladl“ steht da drauf. Darin nennen sie das Sechzger Stadion „Herrmann-Gerland-Kampfbahn“. In der abgedruckten Tabelle wird selbst Ligakonkurrent TSV 1860 Rosenheim mit „1859+1“ abgekürzt. Hach, wie süß, sie können rechnen.

Auf der Tribüne sitzt dann ein Weltmeister vor mir. Mit Bayern-Trainingsjacke und spannenger Fledderhose nimmt WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose auf der Haupttribüne Platz. Er ist Trainer der U17, oder so. Ich bin jetzt in einer anderen Welt. Die Spielerfrauen der FCB-II-Kicker tragen Pelz, ein junger Mann mit weißem Cardigan setzt sich zu Miro Klose. Vermutlich ein junges Talent, dem mit einer Einladung zu einem Bayern-Spiel der Wechsel zu den Münchner schmackhaft gemacht werden soll. Zur Halbzeit verschwinden die beiden in den Katakomben.

Auf dem Platz sehe ich 22 junge Kicker, die meinen Löwen den Platz kaputttreten. Der ein oder andere Angriff wird nett vorgetragen, dann kläglich abgeschlossen. In der ersten Halbzeit sind die Gäste aus Augsburg stärker, in der zweiten Halbzeit die Fremdelf. Den Höhepunkt bildet ein Torschuss aus der 60. Minute, der tatsächlich dem Garagentor der Grünwalder Straße 5 gegenüber näher kommt, als dem Augsburger Tor im Stadion.

Ex-Löwe Mayer mischt mit – spielentscheidend! 

701 Zuschauer sehen das. 700 und ich. Ich bin der Fremdkörper, der weiß-blaue E.T.. Die anderen Fans scheinen auf ihre Kosten zu kommen. „Uh’s“ und „Ah’s“ sind zu vernehmen. Die Mitgereisten aus Augsburg kann man an zwei Händen abzählen – zieht man mal die Eltern der Kicker auf der Haupttribüne ab, die für den Großteil der „Uh’s“ und „Ah’s“ verantwortlich sind.

Das Spiel endet 0:1. Augsburg erzielt in der Nachspielzeit den Siegtreffer. Romario Rösch nutzt einen Fehlpass von Angelo Mayer, steht dann frei vorm Tor und schiebt den Ball flach ein. Mayer hat den Fehler gemacht. Stolz schlägt es in meiner Löwenbrust: „ Angelo Mayer? Hey, das ist ja ein Ex-Löwe!“ Da sind sie, die Emotionen.

Die Spielereltern skandieren „Auswärtssieg“, die pelzige Spielerfrau schaut bedröppelt. Sie hält nach ihrem Freund Ausschau.

Es ist dasselbe Stadion, in dem vor einem Jahr, im entscheidenden Relegationsspiel gegen Saarbrücken, alle Dämme brachen. Der Aufstieg wurde tränenreich bejubelt, inklusive Platzsturm und anschließendem Triumphzug durch Giesing. Auch wenn ich persönlich nicht im Stadion sein konnte, es war der erste Aufstieg, den ich als Löwenfan erlebt habe.

Die Erlösung war schon ein Jahr vorher erfolgt: die Rückkehr des TSV 1860 nach Giesing. Die Rettung vor einem weiteren Jahrzehnt als graue Maus vor grauen Sitzschalen. Im Grünwalder Stadion sind die Reihen auch grau. Aber es sind unsere Reihen, es ist unser grau.

Foto-Collage: Leon Willner

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