„Ich kann arbeiten, wann ich will“

Längst kein Trend mehr: Journalistische Arbeit wird aus den Redaktionen ausgelagert. Paradoxe Bezeichnungen wie „Feste-freie“ haben sich in der Branche etabliert. Doch nicht jeder „Freie“ ist Opfer des Sparzwangs. Der freie Journalist und Autor Dirk Liesemer über die Frage, wie frei er in seiner Arbeit wirklich ist.

Interview von Leon Willner

Herr Liesemer, wenn Sie an Ihren Arbeitsalltag denken, fühlen Sie sich da von irgendwas oder irgendwem beeinflusst?

Liesemer: Nein. Ich suche mir die Themen selbst aus. Auch über die direkten Anfragen von Medien entscheide ich selbst. Es steht einem immer frei, ‚nein‘ zu sagen.

Selbstbestimmt nach Themen recherchieren, die Geschichten aufschreiben und diese dann veröffentlichen. Das klingt nach der gelebten Freiheit eines freien Journalisten.

Ich kann natürlich nicht mit jedem Artikel um die Ecke kommen. Normal. Auch wenn man in einer Redaktion sitzt, wird nicht alles veröffentlicht, was einem gerade durch den Kopf schießt. Ich habe ja in mehreren Redaktionen gearbeitet, doch jetzt habe ich das Gefühl, freier zu sein.

Freier als Ihre festangestellten Kollegen?

Zum einen komme ich zum Arbeiten, ich sitze nicht in irgendwelchen Konferenzen rum, muss nicht irgendwelche oktroyierten Sachen machen. Ich kann mehr produzieren und schreiben. Ich kann, dadurch, dass ich für verschiedene Medien arbeite, mir stärker aussuchen, wie ich mich journalistisch positionieren will.

Wie kann man sich diese Abläufe genauer vorstellen?

Die Zusammenarbeit mit den Redaktionen läuft in der Regel freundschaftlich ab. Man bekommt vorab ein Briefing, was man grob machen soll. Man weiß Thema, Länge, Abgabetermin und Honorar. Daran hält man sich. Gerade bei meiner Arbeit in monothematischen Heften war sehr klar vorgegeben, was man zu tun hat. Da geht man wie ein Handwerker vor. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass mir jemand vorschreibt, was ich zu tun und zu machen habe.

„Ich sehe mich breiter aufgestellt als viele feste Kollegen.“

Auch nicht bei der Setzung von bestimmten Schwerpunkten oder Argumenten im Artikel?

Nicht unmittelbar. Die Sachen, die in den Artikeln drin stehen, müssen stimmen und sich verifizieren lassen. Es sollten keine Thesen vorgetragen werden, die nur von einer absoluten Minderheit in der Wissenschaft getragen werden. Oder wenn, dann muss man das kennzeichnen.

Wenn man in einer Redaktion sitzt, ist man meistens Experte für irgendetwas. Sind Freie auch Experten?

Freie haben meistens einen Schwerpunkt und das ist auch ganz vernünftig. Ich sehe mich allerdings breiter aufgestellt, als viele festen Kollegen.

Welche Rolle spielen ökonomische Erwägungen in Ihrem Berufsleben?

Zu einem gewissen Grad haben sie dazu geführt, dass ich gelandet bin, wo ich bin: bei Magazinen und nicht mehr bei Zeitungen. Für bestimmte Medien arbeite ich nicht, weil ich mir das finanziell nicht erlauben kann, oder will.

Zum Beispiel?

Ich habe mich ein Stück weit vom tagesaktuellen Journalismus weg bewegt und zusätzlich zu den Magazin-Beiträgen zwei Sachbücher geschrieben, wo andere Journalisten vielleicht sagen würden, „das ist jetzt kein Journalismus“. Ich sehe das anders. Alles, was ich mache hat einen journalistischen Anspruch, auch wenn es um historische Themen geht.

Kamen die Verlage wegen Ihrer Artikel auf Sie zu? Nach dem Motto ‚Haben Sie mal Lust, ein Buch für uns zu schreiben?‘

Nicht direkt. Im Journalismus kommt generell keiner auf einen zu, es sei denn man hat schon einen Bestseller geschrieben. Man muss den Leuten oft hinterherlaufen. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich bestimmten Medien nichts mehr anbiete, weil ich keinen Bock hab, dauernd entweder auf das Geld zu warten, oder nachfragen zu müssen, was denn jetzt mit meinem Thema ist.

Ist das der anstrengendste Teil des Freischreibens, dieses ständige Klinkenputzen?

Am Anfang ist es einer der nervigsten Teile, ja. Aber das mache ich nicht mehr.

Und das hat bei Ihnen nie zu dem Wunsch einer Festanstellung geführt?

Gerade zu Beginn der Karriere muss man schauen, wie man den Kühlschrank vollkriegt und seine Altersvorsorge nicht vergisst. Irgendwann läuft es dann. Man braucht zwei, drei feste Abnehmer. Das können auch gerne nischige Magazine sein, die niemand liest, das ist egal. Hauptsache, die zahlen einigermaßen und man hat ein gesichertes Einkommen. Alles andere kann man nebenbei machen.

Überlegen Sie bei einem bestimmten Artikelthema vorher, ob sich genau das gut verkaufen ließe?

Der Verkauf findet fast immer zuerst statt, bevor ich da groß an einem Thema arbeite. Da schickt man vorab eine kurze Idee an die Redaktion und muss dann warten, ob die sagen „Ja, machen wir“ oder „Machen wir nicht“. Der Abnehmer zahlt aber das Gleiche, egal welches Thema man vorschlägt.

Denken Sie dabei an bestimmte Werbekunden?

Nein. Ich glaube auch nicht, ob in den Redaktionen selbst stark daran gedacht wird. Ein Chefredakteur mag hin und wieder mal denken, „wir machen jetzt mal einen Artikel dazu, weil wir da eine Anzeige kriegen“ – und dann kommt die Anzeige trotzdem nicht, oder sie kommt unabhängig davon.

Mit wie viel darf man denn bei besagten Magazinen pro Zeile rechnen, im Vergleich zu dem Tariflohn, den etwa die ‚Süddeutsche Zeitung‘ ihren Freien zahlt?

Bei Magazinen sollte man mindestens rechnen: 1000 Zeichen für 100 Euro. Wie das inzwischen in der Zeitung ist, keine Ahnung.

Haben Sie sich schon einmal von Kollegen oder Redakteuren beim Ausüben Ihrer Tätigkeit beeinflusst gefühlt?

Inhaltlich nicht, stilistisch schon. Das kann ich teilweise nachvollziehen. Man gibt nicht immer erstklassige Sachen ab, auch wenn man das immer versucht. Übrigens bringen auch feste Redakteure nicht immer großartige Sachen zustande, trotzdem werden sie gedruckt. Gerade bei monothematischen Heften ist der Wunsch in der Redaktion groß, eine gewisse Gleichförmigkeit bei den Texten herzustellen. Das sehe ich ein, weil das Heftkonzept stark im Vordergrund steht.

„Ein Redakteur will nicht ständig Streit mit seinem Chef haben.“

Wo sehen Sie hier die Unterschiede zum Festen?

Der Unterschied ist, dass in den Redaktionen bei Festen eher über stilistische Sachen hinwegsehen wird als bei Freien. Klar, diese Leute sind nachher beim Mittagstisch die Banknachbarn! Das ist bei freien Journalisten anders. Da wird gerne ruppiger mit den Texten verfahren. Fast immer macht aber eine Redigatur einen Text besser.

Bekommt man den Text dann nochmals zu sehen? Kann man ihn dann erneut absegnen lassen? Immerhin steht Ihr Name drüber…

Man kriegt das schon zu sehen. In der Regel ist der Produktionsdruck aber so hoch, dass man mit den Redakteuren nicht nochmals anfängt herum zu argumentieren. Es sei denn, man entdeckt sachliche Fehler. Man konzentriert sich auf den nächsten Auftrag und hakt das ab. Das ist nur nervig bei Textstellen, die einem sehr wichtig sind, oder bei persönlicheren Texten.

Sind das dann redaktionelle Linien, die einen einengen?

Am meisten wird man durch Längenvorgaben eingeengt. Und was man nicht unterschätzen sollte ist, dass es manchmal einfach Marotten sind. Oder es handelt sich um vorauseilenden Gehorsam von Redakteuren, die meinen, ihrem Chef Texte in einer bestimmten Fassung oder Tonlage liefern zu müssen. Dann werden Texte auch mal überredigiert, was mir aber schon länger nicht mehr passiert ist. Das ist weniger eine Blattlinie als andere Mechanismen, die da im Hintergrund der Redaktion eine Rolle spielen. Ein Redakteur will nicht ständig Streit mit seinem Chef haben.

Genau diese Mechanismen innerhalb der Redaktion, das sich in Stellung bringen für höhere Aufgaben, das sich empfehlen müssen, die haben Sie als Freier nicht. Das ist auch eine Freiheit.

Ja, aber man will natürlich weiterhin für bestimmte Magazine arbeiten und strengt sich dementsprechend an. Man will auch Karriere machen. Allerdings nicht innerhalb einer Unternehmenshierarchie, sondern im Sinne besserer, spannenderer Aufträge.

Was ist, im Vergleich zu Festangestellten, die größte Freiheit, die Sie an Ihrer Tätigkeit beschreiben?

Ich bin vor allem in der Themensetzung freier. Ich kann arbeiten, wann ich will und komme überhaupt zum Arbeiten. Wer in einer Redaktion sitzt, muss ganz viel organisieren, Texte heranschaffen, redigieren, Rücksprachen mit Autoren halten. Das bringt einen als Journalist nicht weiter.

Dirk Liesemer arbeitet seit vielen Jahren als freiberuflicher Journalist für Magazine wie mare, Freemens World und P.M. History. Er hat die Henri-Nannen-Schule besucht und war Redakteur, unter anderem beim ,Freitag‘ und bei ,natur‘. Zudem hat er die beiden Ausgaben von SPIEGEL Expedition mitkonzipiert. Regelmäßig kuratiert er Beiträge für Piqd.de über zeitgeschichtliche und andere Themen. Mittlerweile sind zwei Bücher von ihm erschienen: das „Lexikon der Phantominseln“ (2016) und der „Aufstand der Matrosen“ (2018). Zurzeit arbeitet er an einem Reportagebuch für den Piper Verlag und an einem historischen Roman, der im mareverlag erscheinen wird.

Foto: Katja Scholtz

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